(Textil-)Kunst und Konfliktwissen in der Lehre

von Berit Bliesemann de Guevara (zuerst veröffentlicht auf Lehrgut am 15.10.2017)

Wie kann man mittels textiler Wandbehänge, die in kunterbunten Farben und mit Stoffpüppchen bestückt Szenen einer Demonstration vor ländlichem Hintergrund zeigen, über Themen wie Militärdiktaturen, gewaltsame Unterdrückung und Menschrechtsverletzungen lehren? Wie verändert sich unser Verständnis der gesellschaftlichen Auswirkungen des gegenwärtigen mexikanischen Drogenkriegs, wenn wir Taschentücher mit den Namen und Gewaltschicksalen der Opfer besticken? Was und wie lernen wir über atomare Auf- und Abrüstung, wenn wir uns dem Thema mittels genähter Protestplakate der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung nähern?

In diesem Beitrag möchte ich anhand des Beispiels sogenannter Konflikttextilienzeigen, wie die Einbeziehung künstlerischer und kunsthandwerklicher Beschäftigungen mit unterschiedlichen Formen politischer Gewalt die Lehre in der Friedens- und Konfliktforschung bereichern kann. Meine Erfahrung ist, dass Objekte wie Konflikttextilien die sachtextbasierte Lehre ergänzen können, indem sie einen Zugang zu emotionalen, affektiven und körperlichen Formen des Wissens eröffnen. Diese Wissensformen sind einerseits zentral, um die Bedeutung gewaltsamer Konflikte für die Betroffenen zu verstehen, andererseits jedoch schwierig zu erlangen. In einer Zeit, in der wir durch eine konstante Flut medialer Texte und Bilder zu Gewaltkonflikten und anderen humanitären Katastrophen erschreckend desensibilisiert sind, fällt es uns zunehmend schwer, wirkliche Empathie und Solidarität mit Gewaltopfern zu empfinden. Zudem mangelt es uns in der universitären Lehre oft an Mitteln, mit tabuisierten und/oder traumatisierenden Themen angemessen umzugehen. Noch allgemeiner fehlen uns Wege des Wissens, um Emotionen und sinnliche Erfahrungen – also alles, was sich nicht oder nicht so leicht in Worte fassen lässt – zu erschließen. Hinsichtlich dieser Schwierigkeiten des Wissens um und der Lehre über Gewaltkonflikte kann die Beschäftigung mit Konflikttextilien ein alternativer „Wissensweg“ sein.

Arpillera doll template
„How to make an arpillera doll“. Foto: © Roberta Bacic

Was sind Konflikttextilien?

Konflikttextilien ist ein loser Oberbegriff für Wandbehänge, Quilts, bestickte Taschentücher, genähte Protestbanner und ähnliche textile Stücke, die Krieg, Gewalt und Unterdrückung thematisieren. Teilweise werden solche Textilien von Opfern oder deren Angehörigen selbst genäht. Dazu gehören beispielsweise die chilenischen arpilleras, die während der Pinochet-Diktatur entstanden, oder die bestickten Taschentücher der mexikanischen Bewegung Bordamos por la Paz(auf Deutsch: Sticken für den Frieden), welche die gegenwärtige Gewalt in Mexiko dokumentieren. Andere Konflikttextilien sind künstlerische oder solidarische Beschäftigungen mit Krieg und Gewalt, ohne dass die Macher*innen direkt und persönlich betroffen sind. Und wiederum andere stellen Mittel des Aktivismus und Protests dar, wie beispielsweise die genähten Banner des „Peace Ribbon“ der amerikanischen Anti-Atomkraft-Bewegung in den 1980er Jahren oder jüngst die pinken „Pussy Hats“ der Proteste aus Anlass der Vereidigung Donald Trumps. Diese Unterscheidung ist idealtypisch zu verstehen: Zum Bespiel werden Taschentücher auch aus Solidarität bestickt und, ebenso wie manchearpilleras, als Protestmittel eingesetzt. Wie lassen sich solche Textilien nun in der Lehre der Friedens- und Konfliktforschung einsetzen?

Praxisbeispiel: Textilkunst als Mittel für die Lehre über Gewaltkonflikte und Alltagsstrategien im Umgang mit ihnen

Erste Erfahrungen mit dem Einsatz von Konflikttextilien in der Lehre machte ich durch die Mitorganisation der Ausstellung „ÜberlebensKunst: Wie Gesellschaften mit politischer Gewalt umgehen“ an der Uni Hamburg (2012), die Konflikttextilien aus Chile, Nordirland und Spanien aus der Sammlung von Kuratorin Roberta Bacic zeigte. Der begleitende Wochenend-Workshop nutzte die Textilien zusammen mit Musik und Augenzeugenberichten, um die Gewalt und die gesellschaftliche Strategien mit ihrem Umgang während und nach der Diktatur bzw. dem gewaltsamen Konflikt in den drei Ländern zu behandeln.

Wie kamen die Textilien zum Einsatz?

  1. Einführung in die Thematik: Der Workshop begann mit einer Führung der Kuratorin durch die Textilausstellung, bei der sie die Hintergründe und Symbolik einzelner Stücke erklärte. Außerdem zeigten wir einen kurzen Film über die Rolle von arpillerasin Chile während der Diktatur von General Pinochet. Diese Art der Einführung stellte von Anfang an die Opfer von Gewalt und Unterdrückung und deren Stimmen und Handlungsfähigkeit in den Mittelpunkt und schuf so eine geeignete Atmosphäre für einen stärker verstehenden Zugang zur Thematik.
  1. Vorverständnis und Leitfragen: Basierend auf dieser ersten Beschäftigung mit den Textilien sammelten wir Eindrücke und Fragen der Teilnehmer*innen, die dann für die Workshops leitend wurden. Wir nutzten dazu die Methode der „Stillen Debatte“, um allen gleichermaßen das Wort zu geben.
  1. Lebensweltbezüge und verstehendes Lernen: Während der Workshop auch darauf ausgerichtet war, analytisch-erklärendes Konfliktwissen zu vermitteln und die Frage des gesellschaftlichen Umgangs mit Gewalt während und nach einem Gewaltkonflikt/einer Diktatur zu problematisieren, dienten die Textilien gemeinsam mit (Live-)Musik und den Interventionen von Augenzeugen dazu, dieses Konfliktwissen mit den Lebenswelten Betroffener in Bezug zu setzen. Dies ermöglichte verstehendes Lernen und half, die Diversität an persönlichen Erfahrungen und Lebenswegen und die unterschiedlichen Bewertungen staatlicher Maßnahmen zum Umgang mit vergangener Gewalt in den Vordergrund zu rücken. Dadurch war es möglich, das Besondere im Allgemeinen nicht aus den Augen zu verlieren und Komplexität zu thematisieren.
  1. Präsentation der Ergebnisse: Am letzten Workshop-Tag wurden die Teilnehmer*innen gebeten, die Ergebnisse ihrer Ländergruppe (Chile, Spanien oder Nordirland) für die Abschlusspräsentation im Plenum zusammenzufassen und dies auf künstlerische Weise zu tun. Da das Nähen von arpilleras zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte, stellten wir Materialien für Kollagen in Form von Stoffresten, Zeitschriften, Plakatpapier und Tapetenrollen bereit. Außerdem boten die Kuratorin und drei Textilkünstlerinnen, deren Werke auch Teil der Ausstellung waren, einen Arpillara-Puppen-Workshop an. Die Kollagen der Gruppen waren teilweise stark von den Exponaten, ihrer Machart und ihrer Symbolik inspiriert, und alle Teilnehmer*innen waren mit großer Konzentration bei der Arbeit. Es war bemerkenswert und ermutigend, welch umfassendes und vor allem differenziertes Wissen die Teilnehmer*innen durch diese erfahrungszentrierte Herangehensweise erlangten, obwohl keine Texte vorbereitet werden mussten.
  1. Prüfungsleistung: Teilnehmer*innen, die mit dem Workshop Leistungspunkte für ihr Studium erwerben wollten, wurden gebeten, ein Exponat aus der Ausstellung auszuwählen und dieses zum Aufhänger für einen Essay darüber zu machen, was sie während des Workshops gelernt hatten. Alle Essays waren von ausgesprochen hoher Qualität und großer gedanklicher Tiefe.

Reflektion: (Textil-)Kunst als „anderer Weg des Wissens“ über politische Gewalt

Beflügelt von der positiven Erfahrung mit „ÜberlebensKunst“ organisierte ich im Frühjahr 2017 mit einem Doktorandinnen-Team die Ausstellung „Stitched Voices“ an der Aberystwyth University, UK. Die Ausstellung zeigte textile Wandbehängen aus Roberta Bacics Sammlung, bestickte mexikanische Taschentücher der Bewegung „Bordamos por la Paz“ und genähte Protestbanner aus Großbritannien und den USA und wurde von einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm begleitet. Unsere Erfahrungen hier waren ähnlich positiv und euphorisierend wie diejenigen des Hamburger Workshops. Ausstellungsbesucher*innen und Veranstaltungsteilnehmer*innen waren mehrheitlich von den Konflikttextilien und ihren Hintergrundgeschichten fasziniert und berichteten, wie dieser ungewöhnliche Zugang zu Konflikt und Gewalt ihnen die Realität dieser Themen ganz nahe gebracht habe und wie sie selbst zum Handeln für Frieden angeregt worden seien.

Basierend auf den Erfahrungen von „ÜberlebensKunst“ und „Stitched Voices“ mit einer Vielfalt von Veranstaltungen für unterschiedliche Lerngruppen – von Studierenden bis hin zu interessierten Bürger*innen – würde ich sagen, dass Konflikttextilien und ähnliche künstlerische Beschäftigungen mit Krieg, Gewalt und Unterdrückung auf zweierlei Weise „andere Wege des Wissens“ darstellen. 

Marginalisierten Stimmen Gehör verschaffen und Komplexität Raum geben

In Nachkriegs- und post-diktatorischen Prozessen geht es in erster Linie häufig darum, kollektiv geteilte Narrative und „shared histories“ der vorangegangenen gewaltsamen Zeiten zu erreichen. Individuelle Erfahrungen, und insbesondere die Stimmen marginalisierter Gruppen und Personen, finden in diesen Narrativen nur selten Gehör. Die Befunde von Wahrheitskommissionen etwa werden in umfangreichen Berichten präsentiert und schaffen anhand von Statistiken und Verallgemeinerungen dominante Narrative, die repräsentieren sollen, „wie es wirklich war“. Individuelle Geschichten spielen als „Fakten“ und zu Illustrationszwecken eine Rolle, werden aber meist unter die Kategorien der Kommission subsumiert. Die Stimmen der Betroffenen sind dadurch mithin nur „gefiltert“ hörbar.

Konflikttextilien bieten hier einen Zugang zu den Stimmen der Schöpfer*innen, oft Betroffene oder Angehörige von Opfern, und konfrontieren uns mit individuellen Erfahrungen und Geschichten, die nicht immer vollends mit dem kollektiven Narrativ übereinstimmen. Sie erinnern uns daran, dass Wahrheiten sozial konstruiert und in politische und soziale Machtstrukturen eingebunden sind, dass es aber auch andere Erfahrungen gibt, die nicht weniger gültig sind, nur weil sie marginalisiert werden oder nicht mit der vermeintlichen „shared history“ kongruent sind.

Konflikttextilien helfen uns auch, bei Konfliktanalysen das Besondere im Allgemeinen nicht aus den Augen zu verlieren. Sie zeigen, wie sich Gewaltkonflikte in spezifischer Weise im Leben von Individuen niederschlagen, und sind Zeugnisse der Handlungsfähigkeit und Kreativität dieser Individuen im Angesicht dieser erdrückenden Kontexte. Anders als der Wahrheitskommissionsbericht müssen die künstlerischen Narrative dabei nicht übereinstimmen; sie können sich überlappen, divergieren und gar widersprechen und erinnern uns damit an die Komplexität sozialer Verhältnisse.

Durch Materialität und Schaffen Empathie erzeugen

Die Materialität der Kunstwerke und der kreative Akt des Machens/Schaffens  selbst sind zentrale Bestandteile des affektuellen und verkörperten Wissens, das durch Kunst und Handarbeit als (Lehr-)Methode ermöglicht wird. Die Wirkung der Materialien wurde bei den Konflikttextilien immer dann besonders deutlich, wenn Ausstellungsbesucher*innen oder Workshopteilnehmer*innen davon erfuhren, dass die chilenischen arpilleras häufig aus der Kleidung gewaltsam entführter oder ermordeter Familienmitglieder hergestellt wurden, dass jede Einzelheit der arpilleras eine symbolische Bedeutung hat oder ein ganz konkretes Ereignis zeigt – dass arpilleras, wie Roberta Bacic sagt, „textile Fotografie“ sind.

Noch deutlicher wird die Wirkung emotionalen und verkörperten Wissens während des Akts des Machens selbst. Ein Beispiel hierfür geben Kunstkritiker*innen, die den farbenfrohen und verspielt wirkenden Wandbehängen, die ihnen aus der Ausstellung „Stitched Voices“ entgegenleuchteten, zunächst einmal sehr skeptisch entgegentraten, um sich dann doch darauf einzulassen, zu Nadel und Faden zu greifen, um zur Stickarbeit von Bordamos por la Paz beizutragen. Der Kritiker Michael Tomlinson beschreibt diesen Aha-Moment, in dem der Akt des Schaffens in ihm ein tieferes Verständnis davon erzeugte, worum es bei den Konflikttextilien geht, wie folgt:

“Hung out like washing above one corner of the gallery are handkerchiefs, embroidered with messages remembering the dead and disappeared of Mexico. Visitors are encouraged to contribute to this work by doing simple running stitch along already-marked handkerchiefs in the two sewing chairs below. It is an immersive process, more so for the writing, which suggests stories that are almost too awful to contemplate and are unthinkable here in Britain. I am soon lost in a task that is only a few letters long. How much more then must this act of devotion, of willful remembrance, mean to the people who have experienced the appalling violence, bereavements and unknowingness? It is their voices that give a more sophisticated shape to the works here in this exhibition.”

Ein Tipp zum Schluss: Erst einmal niedrigschwellig ausprobieren

Man muss nicht gleich selbst eine Kunstausstellung organisieren oder gar kuratieren, um von den Lerneffekten künstlerischer Auseinandersetzung mit Gewaltkonflikten profitieren zu können. In allen Universitätsstädten gibt es wechselnde Ausstellungen und ähnliche Angebote, und auch das Internet eröffnet dem/der Lehrenden zahlreiche Möglichkeiten, künstlerische Beschäftigungen mit (Erfahrungen von) Gewalt und Konflikt in die Lehre einzubringen. Hier sind einige Beispiele:

  • Conflict Textiles ist das online Archiv der Sammlung Roberta Bacics mit hunderten Konflikttextilien und weiterführenden Materialien aus zahlreichen Ländern weltweit.
  • Bordando por la Paz y la Memoria (Sticken für den Frieden und die Erinnerung) ist eine Bewegung, die 2011 in Mexiko Stadt begann und später auch von Gruppen Puebla, Guadalajara, Tijuana, Cancún, Monterrey sowie von Solidaritätsgruppen weltweit aufgegriffen wurde. Ziel ist es, jedes Gewaltopfer des „Drogenkrieges“ mit einem bestickten Taschentuch zu dokumentieren: in rot für Morde, rosa für Femizide und grün für gewaltsames Verschwindenlassen.
  • Huellas de la Memoria (Fußspuren der Erinnerung) thematisiert das gewaltsame Verschwindenlassen von Personen in Mexiko und verweist ebenfalls auf die Situation der Hinterbliebenen, die sich auf einer endlosen, unabgeschlossenen Suche nach ihren Lieben befinden. Die Ausstellung war gerade erst in Deutschland (Heidelberg, Berlin und Nürnberg) zu Besuch.
  • Cantos Cautivos (Gefangene Lieder) ist eine Webseite mit Liedern, die Gefangene in politischen Internierungs- und Folterlagern während der Pinochet-Diktatur geschrieben, gespielt und gehört haben, um auf jeweils individuelle Weise mit ihrer ausweglosen Situation fertig zu werden.
  • Mendoj për Ty / Thinking of You war eine Kunstinstallation in Prishtina, welche die öffentliche Aufmerksamkeit auf Kosovos „schmutzige Wäsche“ in Form der weitegehend nicht anerkannten Opfer sexueller Gewalt während des Krieges ziehen und der Erfahrung der betroffenen Frauen einen visuell-materiellen Ausdruck geben sollte.
  • ArtLords ist eine NGO in Afghanistan, die Wandmalerei an öffentlichen Gebäuden als Mittel des sozialen Protests z.B. gegen Korruption einsetzt und damit ein anderes, positiveres Bild von der afghanischen Gesellschaft zeichnet als es normalerweise der Fall ist.

Diese und ähnliche Quellen können dabei helfen, neben dem analytischen Erklären von Gewaltkonflikten und Menschenrechtsverletzungen emotionales, affektives und körperliches Verstehen zu ermöglichen. Sie können Reflexivität in unserem Umgang mit Konfliktwissen erzeugen, Empathie mit Menschen in Gewaltkontexten wecken und nicht zuletzt durch das Aufzeigen einfacher Handlungsmöglichkeiten wie das Besticken von Taschentüchern zu Solidarität und Friedensaktivismus anregen.

Wer sich mehr für Fragen rund um Konflikttextilien interessiert oder sich gar motiviert fühlt, eine Ausstellungen zu organisieren, der sei zu guter Letzt noch auf diesen Blog Stitched Voices verwiesen, auf dem wir – das Team um die Ausstellung „Stitched Voices“ in Aberystwyth – unsere Erfahrungen reflektieren, Herausforderungen und Lehren teilen und durchaus kontrovers eine Reihe von Fragen diskutieren, die um unsere Konflikttextilien herum entstanden sind. Wir freuen uns über Rückmeldung!


Dr Berit Bliesemann de Guevara ist Reader in International Politics am Department of International Politics, Aberystwyth University, UK.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s